Das Jeladim-Siegel aus Sicht der Kinder

Hundert Jahre nach der reformpädagischen Bewegung ermöglicht das Jeladim-Siegel dem Kind sich, wie bei der Trainigskarte eines Erwachsenen im Fitness-Studio, selbständig ein für sich geeignetes Aktivmaterial (Trainigsgerät) auszuwählen.

„Der äußere Gegenstand ist die Turnhalle des Geistes, der seine Übungen durchführt; und diese ´inneren´ Übungen sind anfangs ´in sich selbst´ der Zweck der Handlung.“
(Maria Montessori, Schule des Kindes S.146f)

Skala als Freundschaftsvermittler oder Leistungsmotivator und Frustrationsbremse

Die Schwierigkeitsgrade steigen in sieben Schritten von links nach rechts an und werden von den bunten Kreisen in Rot bis Pink dargestellt. Anhand dieser Scala und dem Orientierungs-Symbol auf dem Aktivmaterial können die Kinder selbständig einschätzen, was an Anforderung auf sie zu kommt.
Entsprechend ihrem Zahlenwert von 1 bis 7 kann jeder beobachtende Erwachsene anhand klarer Kriterien diesen Wert für das Kind konkretisieren und uns eine entsprechende Information zukommen lassen. Schwierigkeitsgrade sind immer subjektiv. Der Schwierigkeitsgrad wird statistisch berechnet und findet sich als entsprechender Farbkreis direkt auf dem Aktivmaterial wieder. Mit zunehmendem Alter, kognitiver Reife und wachsender Erfahrung mit dem Siegel erleben die Kindern den Zusammenhang zwischen Farbkodierung und zu erwartender Schwierigkeit. So wird das Siegel zur „Lehrerin“ innerhalb der „vorbereiteten Umgebung“.

„Die Lehrerin (...) [muss dafür sorgen, dass] weiter fortgeschrittene Kinder nicht bei Material aufgehalten werden, das für ihre individuellen Fähigkeiten zu einfach ist und ihnen Überdruss verursacht. Andererseits soll sie keine Gegenstände anbieten, welche die Kinder noch nicht würdigen können, was ihre erste kindliche Begeisterung ersticken würde.“
(Maria Montessori, Die Entdeckung des Kindes, S.168)

Das Kind gerät viel weniger in psychische Spannungssituationen von Über- bzw. Unterforderung, welche sich immer destruktiv auf die Eigenmotivation und Arbeitshaltung auswirkt. Eine maximale Freude am Tun wir gefördert. Das freie Kind will sich die Welt und eigene Fähigkeiten prinzipiell selbst aneignen.

Lernen vom Freund - Leistungsmotivator – Frustrationsbremse - Gruppenkohäsion

Das grüne Spheroid steht für "normal leicht". Sucht das Kind eine Zusammenarbeit mit einem etwas älteren, dann sucht es sich ein Spiel seiner Altersklasse mit einem blauem Spheroid aus. Ist der gewünschte Spielpartner aus einer älteren Altersklasse, dann wählt es eines mit dem lila Spheroid. Vorsichtige oder verängstigte Kinder bewegen sich meistens im roten bis orangen Bereich. Überflieger und Leistungshungrige neigen dazu, sich nur im oberen Bereich zu orientieren. Das Pinkfarbene erfordert eine solch hohe Konzentrationsfähigkeit, dass ein zweiter Spielgenosse hier nur stören würden. Selbst Erwachsene kommen hier teilweise an ihre Grenzen.

Haben ältere Kinder die Inhalte des Info-Balkes durchschaut, sind sie die gebohrenen Lehrpersonen in der Gruppe. Gerne laden sie jüngere Kinder zu einer Aktivität ein, welche mit einem orangefarbenen Spheroid gekennzeichnet ist. Ist das Kind viel jünger, dann sollte es ein gelbes, wenn nicht sogar ein rotes Spheroid haben. Ältere Kinder achten mit darauf, wer von den jüngeren Kindern sich eventuell an eine viel zu umfangreiche Sache macht. Sie bieten Hilfen an oder können alternative Angebote machen. Sie finden für die jüngeren Kinder sicher ein geeignetes Material.

Dies entspricht dem erwachenden sozialen Bedürfnis von Fünfjährigen, ihre Hilfsbereitschaft einem jüngeren Kind in der Gruppe zukommen zu lassen. Dieser erwachende soziale Mensch kann mit Hilfe des Siegels seine Einfühlsamkeit für leistungsschwächere und jüngere Kinder aufbauen. Bei Verwendung des roten verursacht neben dem grossen Altersunterschied das grosses Erfahrungs- und Fähigkeitsgefälle ein Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen beiden Kindern. So lernen die Kinder von Kindern.

Level-Symbol auf dem Material

Damit das Kind den Bezug zum Jeladim-Siegel herstellt, befindet sich auf dem Aktivmaterial zur entsprechenden Altersidentifikation ein rechteckiger Farbbalken. Darüber ist ein farbiger Kreis abgebildet, der den Schwierigkeitsgrad des Materials angibt. Kinder können damit völlig selbständig das für sie geeignete Aktivmaterial auswählen. Damit fühlt sich so manches Kind gereizt die nächst schwerste Herausforderung anzunehmen.

"In der Fähigkeit, ständig eine Aufmerksamkeit zurückzurufen, die vagabundiert und dahin strebt, sich zu zerstreuen, liegt wirklich die Wurzel des Urteils, des Charakters und des Willens; und die Erziehung, der es gelänge, diese Fähigkeit herauszubilden, wäre die Erziehung par excellence"
(W. James, Prinzipien der Psychologie).

Ausgenommen von dieser Markierung ist das Material für die bis Einjährigen. Unter einjährige Kinder interessieren sich in der Regel nicht für das Jeladim Siegel und noch viel weniger für die Schwierigkeitsangabe. Da sie die Dinge überwiegend in den Mund nehmen, verzichtet Jeladim für Kinder komplett auf eine farbliche Gestaltung.

Orientierungshilfe in Geschlecht und Alter

Orientierungshilfe in Geschlecht und AlterDie selbständige Altersorientierung erhöht die freie Handlungsfähigkeit in Gruppen mit großer Altersmischung oder innerhalb der Familie bzw. familienähnlichen Einrichtungen zusätzlich. Hierzu dient die farbliche Alterscodierung des Info-Balkens mit dem im entsprechenden Alter dargestellen Kind. Dies ermöglicht bereits sehr jüngen Kindern eine gezielte Materialauswahl. Es wurde beobachtet, dass einige Einjährige mit den Fingern gezielt auf die sitzenden Kinder in der Mitte zeigen. Ob sie eine selbständige Altersidentifikation damit vollziehen wird von uns bezweifelt.

Möchte ein Junge mit einem Mädchen seines Alters spielen, dann kann er seine Chancen für eine Zusage bei der Einladung erhöhen, indem er ein Spiel sucht, das ein Mädchen und ein Junge im Siegel sitzen hat. Gleiches funktioniert auch umgekehrt. Die Abbildungen sollen als eine freundliche Orientierung dienen und dürfen die Kinder nicht in einem falsches Rollenverständnis determinieren.

Sensible Phase und "Workflow"

Sobald Kinder das Zählen lernen und das Interesse an der Struktur Zeit erwacht wollen sie ihre Fähigkeiten in dessen Kontext setzen. Das ist eine ganz normale gesunde entwicklungspsychologisch begründete Verhaltensweise. Sie wollen sich mit allem und jedem messen. Dies hängt mit einer weiteren Stufe der geistigen Reifung zusammen. Damit nicht das gute Verhältnis zum Freund in der Gruppe herhalten muss, bietet der Info-Balken die Möglichkeit gegen eine imaginäre Gruppe in den Wettstreit zu treten.

Position 1 = 4.6 Monate

Diese Zahl steigt mit rotem und orangem Hintergrund auf 36 an. Für Kinder innerhalb von Kinderkrippen ist diese Zahl vollkommen unerheblich. Für ab dreijährige Kinder ist der Balkenhintergrund bereits gelb und hat im Feld 1 an vorderster Position eine "3" stehen. Das Kind kann im Laufe seines dritten Lebensjahres einen bildlichen Bezug zur Ziffer 3 aufbauen. Vierjährige Kinder sehen die "4" und bemerken den Zusammenhang mit dem Mengenwert der Zahl und ihrem Alter. Mit dem Erwachen des mathematischen Geistes werden langsam auch Brüche interessant. Sehr leicht erschliesst sich der Info-Balken innerhalb einer Kindergruppe mit großer Altersmischung.

Position 2 - Beispiel = 2012.02-100

Position 2 ist überwiegend für Pädagogen interessant. Für Kinder kann ganz oberflächlich die Zahl hinter dem "-" als Zahlenwert interessant werden, wenn das Interesse für Mengen erwacht. Ansonsten ist sie eine rein praktische Angelegenheit für den Pädagogen.

Position 3 - Beispiel = 00:16

Der Zeitwert hier ist für ab fünfjährige Kinder wiederum interessanter. Die Herausforderung für solche Kinder ist, wie lange es sich aus freiem eigenen Willen und ohne Fremdmotivation mit dem Aktivmaterial ohne Fehler zu beschäftigen kann. Das ältere Kind wird wahrscheinlich auch zählen, wieviele Wiederholungen es in diese Zeit hineinpacken kann. Wiederholungswerte sind jedoch bewusst nicht mit in den Info-Balken aufgenommen worden, um einem falschen Leistungsgedanken vorzubeugen. Denn Viel in kurzer Zeit bedeutet nicht gleich Schönheit, Anmut und Qualität im Ergebnis. Auch tritt das Tun als Genuss und in seiner in sich selbst begründeten Qualität in den Hitergrund. Der wertvolle meditative Reichtum des Aktivmaterials würde so verloren gehen.